Neuigkeiten aus dem Berufsbildungswerk

„Viele haben gedacht, dass wir dort sterben werden“

Samsi Diallo ist 19 Jahre alt und wurde in Guinea geboren. Über Spanien und Frankreich kam er 2018 nach Deutschland, zuerst nach Berlin und dann im August des Jahres in unsere Jugendhilfegruppe. Hier wohnte er bis Oktober 2020. Seitdem lebt Samsi in einer eigenen Wohnung in Stendal. Kürzlich absolvierte er ein Praktikum bei unseren pädagogischen Mitarbeitenden in der Jugendhilfegruppe. Unser Projektleiter Tobias Krauel sprach mit ihm u.a. über seinen Weg nach Europa, über sein Leben in Deutschland und über seine Zukunft.

 

Hallo Samsi, erzähle uns etwas über Deine Kindheit in Deinem Heimatland.

Ich habe mit meinen Eltern und mit meiner kleinen Schwester zusammengelebt. Jetzt habe ich gar keinen Kontakt mehr zu meiner Familie. In den Kindergarten bin ich nicht gegangen. Mit sieben Jahren bin ich zur Schule gekommen. Ich bin bis zur neunten Klasse dort gewesen. Die zehnte Klasse habe ich nicht fertiggemacht. Dann sollte ich aus meinem Land hierherkommen.

 

Wie kam es dazu?

Die Gründe sind eine lange Geschichte. Ein Bleiben hätte Gefahr für meine Gesundheit bedeutet. Ich musste weggehen. Bei uns ist das normal geworden, wenn man Probleme oder so hat. Dann läuft man einfach aus dem Heimatland weg.

 

Wie ist das dann abgelaufen?

Ich hatte nicht das Ziel, nach Deutschland zu kommen. Ich bin dann immer von Land zu Land. Es gibt über zehn Länder, in denen ich gewesen bin, bevor ich hierherkam. Ich bin einige Wege zu Fuß gelaufen und einige mit dem Auto gefahren. Ich bin mit einem Freund zusammen rausgegangen. Wir sind zuerst in Mali gewesen, dann nach Algerien. Dann sind wir nach Marokko gekommen. Dort sind wir ein paar Monate geblieben, bevor ich ein Boot nach Spanien bekommen habe.

 

Wie war das für Dich?

Sehr schwer, lange Geschichte. Traurig. Sowas habe ich noch nie erlebt. Wir sind 19 Stunden im Boot gewesen. Wir sind nicht bis nach Spanien an die Küste gekommen. Uns hat das Rote Kreuz von Spanien gefunden. Wir hatten kein Benzin mehr. Und dann war das Boot kaputt. Wir mussten das Wasser rausholen. Man konnte sich kaum bewegen. Wir waren so viele. Viele haben gedacht, dass wir dort sterben werden. Man konnte nur die Hoffnung halten, dass man das schaffen kann. Das Risiko kannte ich vorher auch nicht. Sie sagten, es sind nur 25 Kilometer, aber das ist nicht so. Man muss den Weg kennen. Man muss wissen, wo man hingeht, sonst kommt man vom Weg ab.

 

Euch wurde gesagt, dass es nur 25 Kilometer sind?

Ja, genau. Dann haben wir eine kleine Gruppe gemacht und uns ein Boot besorgt. Ich habe dort auch in Marokko ein bisschen gearbeitet. Man macht Kleinigkeiten, um ein bisschen Geld zu verdienen für das Essen und so. Und dann, wie gesagt, haben wir uns ein Boot besorgt und dann Abfahrt.

 

Du sagtest, Ihr wurdet dann von dem spanischen Boot abgeholt. Was ist da passiert?

Es war auf offenem Meer. Uns hat auch ein Hubschrauber geholfen und uns den richtigen Weg gezeigt. Wir wussten gar nicht, wo wir sind. Wir waren vom Weg abgekommen. Wir waren 19 Stunden unterwegs. Man sollte eigentlich nur acht Stunden oder so fahren. Zum Glück haben wir es geschafft. Man konnte nur die Hoffnung halten.

 

Wie viele Menschen wart ihr auf dem Boot?

Am Anfang waren wir vierzehn, aber zwei haben dann doch nicht mitgemacht und sind dortgeblieben. Also zwölf. Sie haben Angst gehabt. Mein Freund ist auch nicht mitgekommen. Das Boot war aus Plastik. Man musste Luft reinlassen. So läuft das.

 

Wie ging es dann weiter für Dich in Spanien?

Ich bin angekommen in Cádiz und habe zwei Wochen dort gewohnt. Dann haben sie mich nach Barcelona geschickt und dort bin ich ein paar Wochen geblieben. Dann bin ich nach Frankreich gekommen, weil ich einen Cousin dort hatte. Ich hatte das Ziel, mit ihm dort zu wohnen. Ich hatte ja auch mein ganzes Leben französisch gesprochen. Ich fand das einfach cool. Ich hatte gedacht, mein Cousin zeigt mir den Weg und was man so machen muss, aber das hat er dann einfach nicht gemacht. Und dann habe ich mir gedacht, lass mal lieber nach Deutschland kommen.

 

Dann bist Du also weiter nach Deutschland. Wo bist Du dann hingekommen?

Ich bin nach Berlin gekommen. Zuerst hatte ich Schwierigkeiten, weil ich nur französisch und meine Muttersprache konnte. Und so konnte ich ja keinen fragen und keinem antworten. Dann hat mich die Polizei gesehen. Sie haben mich genommen und in ein Kinderheim gegeben. Dort habe ich einen jetzigen Kumpel von mir getroffen. Der ist jetzt auch hier in Stendal. Nach ein paar Wochen haben die dann entschieden, dass wir aufgeteilt werden müssen auf verschiedene Bundesländer. Uns beide haben sie dann nach Sachsen-Anhalt geschickt.

 

Und dann seid ihr beide hier nach Stendal ins Berufsbildungswerk gekommen. Wie war es hier?

Einfach cool. Wir hatten mit Bakary schon jemanden hier, der französisch spricht und das war zu Beginn schon eine große Hilfe. Man sieht auch viele Leute aus Afrika hier. Wir waren sehr viele hier. Man fühlt sich dann irgendwie wie in Afrika hier (lacht). Es war eine gute Zeit hier.

 

Wie lange warst Du dann hier im Berufsbildungswerk und was hast Du in der Zeit gemacht?

Von August 2018 bis Ende 2020 war ich hier. Am Anfang musste ich noch ein bisschen warten, aber dann haben sie mich zur Berufsschule geschickt zu einem Sprachkurs. Ich hatte auch Nachhilfe hier zu Hause. Ich bin dann in die neunte Klasse und mache jetzt eine einjährige Ausbildung in Richtung Wirtschaft. Wenn ich das bestanden habe, habe ich einen Realschulabschluss.

 

Gibt es Erlebnisse aus der Zeit im Berufsbildungswerk, an die Du Dich besonders erinnerst?

Ja, auf jeden Fall. Wir sind zu Fußballturnieren gefahren. Beim ersten Mal, ich war noch nicht einmal eine Woche hier, da haben die uns nach Dortmund geschickt zu einem Turnier. Das hat mir sehr gefallen. Da haben wir leider das Finale verloren. Wir sind öfter weggefahren. Das war gut für die Integration. Das war cool.

 

Welche Herausforderungen gab es? Was ist Dir schwergefallen?

Dass man nicht mehr mit seiner Familie lebt. Dass man über seine Familie nachdenken muss und sie nicht sehen kann. Das ist eine schwierige Zeit. Und sonst ist alles gut (lacht).

 

Ein wichtiger Aspekt in Deinem Leben ist Fußball. Du hast regelmäßig hier bei uns in der AG mitgespielt und dann bist Du ja auch schnell zu Lok Stendal gekommen.

Ja, Fußball habe ich mein ganzes Leben gemacht. Fußball ist meine Lieblingssache, die ich unbedingt machen muss. Ich habe immer Fußball gespielt, auch in Mannschaften in Guinea. Als ich hierhergekommen bin, habe ich meinem Betreuer gesagt, dass ich eine Mannschaft brauche. Dann haben die für mich eine Mannschaft gesucht. Bei den B-Junioren bei Lok Stendal habe ich dann angefangen. Dann habe ich bei den A-Junioren gespielt und nun in der Männermannschaft.

 

Nun wirst Du demnächst fertig mit Deiner einjährigen Ausbildung und hast dann Deinen Realschulabschluss nach vier Jahren in Deutschland. Eine ganz tolle Leistung. Wie geht es dann weiter für Dich?

Ich habe schon eine Ausbildung als Krankenpfleger. Ich muss noch warten, bis ich mein Zeugnis kriege und dann muss ich umziehen. Ab Oktober fange ich dann meine Ausbildung in Berlin an für drei Jahre. Das Unternehmen hat mir schon eine Wohnung gegeben, das ist wie ein Wohnheim. Ich werde erst einmal dort leben, bis ich eine Wohnung finde.

 

Welche Pläne hast Du dann?

Ich will auf jeden Fall in Deutschland bleiben. Ich will arbeiten und Geld verdienen. Nach der Ausbildung muss man dann sehen, wohin es geht. Immer langsam. Aber der Fußball bleibt, wo er ist. Der bewegt sich nicht. Das bleibt so (lacht).

 

Kommen wir zu einer gesellschaftlichen Frage. Hast Du Erfahrungen mit Diskriminierung gemacht?

Rassismus sieht man auf der Straße eher selten, aber das gibt es. Ich bin daran aber schon gewöhnt. Als ich in Marokko gewesen bin, war es schlimm. Araber sind sehr rassistisch. Als ich in Marokko gewesen bin, da gab es einen Kampf oder so. Ich habe nichts gemacht, ich wollte einfach vorbeigehen. Aber dann hat mich ein Araber geschubst und dann bin ich eine Treppe heruntergefallen und dann waren meine Zähne kaputt. Solche Sachen kenne ich schon lange. Dass man unfair zu jemanden Anderen ist und so rassistische Sachen. Ich bin schon daran gewöhnt. Hier in Stendal habe ich auch schon Leute getroffen, die mich beleidigen. Ich habe mal einen Mann getroffen, als ich mit dem Fahrrad unterwegs war. Der ist dann vor mir gegangen und hat gesagt, du kommst hier nicht vorbei und du gehst da lang. Ich wollte eigentlich nur in meine Wohnung, aber er sagte eben, du gehst da lang, da ist dein Weg. Einmal bin ich auch in der Stadt gewesen, ich wollte einkaufen gehen. Da habe ich zwei Jungs getroffen und die haben mich dann Nigger genannt. Ich habe mich nur umgedreht. Ich weiß, das ist ein Wort, das man nicht sagen soll, aber ich habe nur geguckt und bin dann meinen Weg weitergegangen. Aber das ist alles selten, normalerweise läuft das schon. Es ist besser als das, was ich in Marokko und Algerien erlebt habe. Das kann man nicht vergleichen. Alles im grünen Bereich.

 

Welchen Rat würdest Du jungen Menschen, die, wie Du vor vier Jahren, alleine nach Europa, nach Deutschland kommen?

Vielen Jungs, die hierhergekommen sind, habe ich schon damals Ratschläge gegeben. Manche hören darauf, manche nicht. Erst einmal müssen sie sich darauf konzentrieren, etwas zu lernen, die Sprache zu lernen. Das ist das wichtigste. Wenn man das nicht kann, kann man nichts machen. Sie müssen zur Schule gehen, um etwas für die Zukunft zu machen. Es gibt Leute, die herkommen und sofort arbeiten wollen. Die wollen keine Sprache lernen und keine Ausbildung machen. Das ist nicht mein Ziel. Ich will erst einmal etwas erlernen und dann arbeiten. Ich sage Leuten, die herkommen, geht erst einmal zur Schule, lernt die Sprache und dann sucht man sich eine Ausbildung.

 

Samsi, vielen Dank für das tolle und nette Gespräch. Alles Gute für Dich.