Neuigkeiten aus dem Berufsbildungswerk

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„Das war richtig mies, weil ich dachte, dass ich krank bin“

Alex wurde am 23.02.2000 in Merseburg geboren. Nach der Grundschulzeit besuchte Alex von der fünften bis zur zehnten Klasse das Gymnasium und erlangte einen erweiterten Realschulabschluss. Anschließend absolvierte er ein freiwilliges ökologisches Jahr in einem Tierpark. Ab September 2017 nahm Alex für sechs Monate an der Berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahme im Berufsbildungswerk (BBW) Stendal teil. Nach einem stationären Klinikaufenthalt begann Alex im August 2018 eine Ausbildung zum Tierpfleger im BBW und wird diese im Jahr 2021 abschließen.

Alex lebt gemeinsam mit seiner Mutter in Merseburg. Sein Vater hat ihn und seine Mutter vor seiner Geburt verlassen.

Im Alter von zwölf Jahren musste Alex erste Mobbingerfahrungen machen, erste psychische Problemen traten auf, Suizidversuche und Klinikaufenthalte folgten. Vor einigen Jahren wurde ihm bewusst, dass er sich in seinem Körper unwohl fühlt.

 

Unser Projektleiter Tobias Krauel und unsere Sozialpädagogin Stefanie Kaiser sprachen mit ihm:

 

Wann hast Du das erste Mal gemerkt, dass Du dich in deinem Körper nicht wohl fühlst?

Bewusst wahrgenommen habe ich das im Alter von 12/13, am Anfang der Pubertät.

 

Wie hat sich das geäußert?

Angefangen hat es damit, dass ich mich mit den Jungs verglichen habe und nicht verstanden habe, warum die anders aussehen als ich. Ich stand allein zuhause vor dem Spiegel und habe Boxershorts angezogen und versucht, meine Brust abzubinden. Ich wollte sehen, wie das aussieht.

 

Wie konntest Du dir dieses Gefühl erklären?

Zunächst habe ich gedacht, dass das normal, einfach pubertär ist und sich alle fragen, warum sie nicht anders geboren wurden. Die anderen Mädchen haben mich dann angesprochen, warum ich mich nicht schminke und warum ich keine Leggings trage. So habe ich verstanden, dass ich der einzige bin, der so fühlt. Das war richtig mies, weil ich dachte, dass ich krank bin.

 

Wann konntest Du mit jemandem über deine Situation sprechen?

Zu Beginn habe ich das alles mit mir alleine ausgemacht. Das erste Mal habe ich erst 2018 in der Klinik darüber geredet. Da habe ich mich aber noch nicht als Trans, sondern als Genderqueer gesehen, also weder als Mann noch als Frau. Während meines ersten Ausbildungsjahres war klar, dass ich nicht dazwischen und auch keine Frau, sondern wirklich ein Mann bin.

Mein erstes Outing erfolgte im September 2019 bei Arbeitskollegen und Freunden im Berufsbildungswerk. Ich wollte die Herrentoilette benutzen und dadurch musste ich mich outen, damit die anderen verstehen, warum das so ist. Dabei hatte ich Hilfe von Frau Kaiser, die beim Outing dabei war.

Meiner Cousine habe ich dann im März 2020 per WhatsApp geschrieben. Im Mai 2020 habe ich meine Mutter gefragt, wie sie es finden würde, wenn ich ein Junge wäre.

 

Hattest Du große Angst vor den Reaktionen?

Ich hatte beim ersten Outing schon Angst, aber nicht so extrem. Ich habe mir gesagt, entweder sie verstehen es oder nicht und dann gehe ich denen halt aus dem Weg. Dabei hat mir die Unterstützung der BBW-Mitarbeitenden geholfen. Bei meiner Cousine war es in Ordnung, weil ich wusste, dass sie modernere Ansichten hat. Sie hat es auch gut aufgenommen. Bei meiner Mutter wusste ich schon, dass sie nicht gerade positiv auf Homosexualität eingestellt ist und dadurch hatte ich natürlich Angst.

 

Wie hat Deine Mutter auf den Wunsch nach einer Geschlechtsangleichung reagiert?

Meine Mutter hat es nicht gut aufgenommen und akzeptiert es nicht. Nachdem ich gefragt habe, wie sie es finden würde, wenn ich ein Junge wäre, hat sie sofort abgeblockt und meinte, dass ich doch ein Mädchen bin und sie sich immer ein Mädchen gewünscht hat. Sie bestreitet auch bis heute die Anzeichen, die es früher gab, äußert Unverständnis und stellt sich dann in die Opferrolle. So lange es jedoch nicht um das Thema geht, ist das Verhältnis zu meiner Mutter gut. Wir haben auch täglich über WhatsApp Kontakt.

 

Wie haben die Menschen in deinem Umfeld darauf reagiert?

Durchweg positiv. Die einzige, die ein Problem damit hat, ist meine Mutter. Alle anderen sind total cool damit.

 

Welche Unterstützung hast Du vom BBW erhalten?

Das wichtigste ist, dass es akzeptiert wird. Mir wird bei Alltagsproblemen geholfen. Beispielsweise kann ich die Herrentoilette benutzen. Frau Kaiser war beim Outing dabei und führt regelmäßig Gespräche mit mir. Regelmäßige Termine habe ich auch bei Frau Schulz (Anm.: Psychologin im BBW). Zu Beginn habe ich einen Kontakt bekommen zu einer anderen Transperson, der mich verstehen konnte. Und es wurden Beratungsstellen herausgesucht.  

 

Wie ging es nach dem Outing für dich weiter?

Es war befreiend und eine Erleichterung, weil ich verstanden wurde und weil mich von da an alle meistens beim richtigen Namen und mit dem richtigen Pronomen angesprochen haben. Viele unterstützen mich, zeigen Interesse, fragen, wie weit ich bin und so weiter.

 

Wie weit bist Du mit Deiner Geschlechtsangleichung?

Ich bin noch ziemlich am Anfang. Ich hatte schon einen Therapeuten, der ein psychologisches Gutachten zur Transsexualität ausgestellt hat. Ich frage mich allerdings noch, ob das alles so stimmt, was er dort festgestellt hat. Testosteron habe ich verschrieben bekommen, war mir dann aber unsicher, weil es mir zu schnell ging.

Momentan bin ich auf Therapeutensuche, was ziemlich schwierig ist. Geplant sind auf jeden Fall die Vornamens- und Personenstandsänderung sowie Mastektomie (Anm.: Entfernung der Brüste), Hysterektomie (Anm.: Entfernung der Gebärmutter) und Adnektomie (Anm.: Entfernung der Eierstöcke und Eileiter). Beim Testosteron und Penoidaufbau (Anm.: „künstlicher Penis“) bin ich mir noch unsicher. Ich will die Angleichung auf jeden Fall weitermachen, allerdings weiß ich noch nicht, in welchem Ausmaß. Wenn man trans ist, heißt es nicht, dass man Testosteron nehmen und alle Operationen machen muss. Man kann variieren und da will ich mir erst sicher werden, bevor ich irgendetwas anfange. Dafür brauche ich einen Therapeuten.

 

Gibt es einen Eingriff, vor dem Du besonders Angst hast?

Vor den geplanten Eingriffen habe ich keine Angst, aber vor dem Penoidaufbau. Das sind einige Operationen, die ziemlich heftig sind und ich weiß nicht, ob mir das Ergebnis so gefällt.

 

Welche Hürden musstest bzw. musst Du überwinden, um dich kostenfrei „behandeln“ lassen zu können?

Wichtig sind das psychologische Gutachten, aus dem hervorgeht geht, dass die Operationen notwendig sind, die Einnahme von Testosteron und dass mindestens sechs Monate zuvor eine Therapie stattgefunden hat. Dann kann ich einen Antrag bei der Krankenkasse stellen und die Kosten für die Operationen werden übernommen. In seltenen Fällen werden die Kosten für die Operation auch ohne die Einnahme von Testosteron übernommen.

Die Vornamens- und Personenstandsänderung kostet auch eine Menge Geld. Dafür kann man Prozesskostenbeihilfe beantragen. Schwierig im Raum Stendal ist die Suche nach einem Therapeuten. Viele nehmen nur Selbstzahler und das kann man sich als Azubi nicht leisten.

 

Du hast bisher viel auf dich genommen und nimmst weiterhin viel auf dich. Wie geht’s dir heute? Fragst Du dich manchmal, ob es das alles wert ist?

Mir geht es definitiv schon besser als vor vier Jahren, weil ich die Schritte schon gegangen bin. Allerdings geht es mir noch nicht gut, da eben noch viel fehlt, damit ich glücklich bin mit meinem Körper. Ich hinterfrage jedoch eher mein ganzes Leben. Die Angst, dass ich mir das alles einbilde und in eine falsche Richtung zu gehen, obwohl ich mir eigentlich sicher bin, spielt immer eine Rolle. Dadurch entstehen weiterhin immer mal wieder Suizidgedanken. Außerdem habe ich nicht nur psychische Probleme hinsichtlich meiner Transidentität, sondern auch wegen anderer Sachen aus meiner Vergangenheit. Es wird nicht alles gut sein, wenn ich den Körper habe, den ich will. Ich habe trotzdem noch die festgestellten Diagnosen Depression und Angststörung sowie die Verdachtsdiagnose auf Borderline.

 

Mehrere Studien sagen, dass Männer ein größeres Selbstbewusstsein haben als Frauen. Siehst Du das auch so?

Nein, weil ich denke, dass das so von der Gesellschaft verlangt wird. Männer müssen cool und tough sein und ihre Frau schützen. Alles, was davon abweicht, ist nicht männlich. Daher denke ich, dass Männer genau davor Angst haben und Frauen sich automatisch das Bild der Weichheit geben. Ich kann für mich sagen, dass ich aktuell ein größeres Selbstbewusstsein habe als vor vier Jahren, was allerdings nicht an meiner Männlichkeit liegt, sondern daran, dass ich jetzt nach außen hin „ich“ bin.

 

Hast Du auch Erfahrungen mit Beleidigungen bzw. Diskriminierung gemacht?

Nein, ich persönlich gar nicht. Auf Social Media-Plattformen werden Homo- und Transsexuelle häufiger heruntergemacht. Da sind dann Kommentare wie „Bring dich um“ oder „Du wirst wie Frankenstein sein“ zu lesen. Ich selbst lade aber keine oder selten Fotos und Videos hoch. Angst davor habe ich manchmal schon, aber solange mich niemand körperlich angreift, ist mir das relativ egal.

 

Welche Alltagsprobleme hattest Du damals und welche bestehen heute noch?

Ein Problem war die Pronomenverwechslung. Die anderen wussten ja nicht, wie ich fühle, aber man selbst bekommt jedes Pronomen mit. Beim Namen war es ähnlich. Das geschieht ja aus Unwissenheit, aber man selbst bemerkt jeden einzelnen Fall. Heute kommt es auch noch vor, dass ich immer wieder mit falschem Pronomen und falschem Namen angesprochen werde. Das ist natürlich schwierig für einige.

Früher musste ich außerdem auf die für mich falsche Toilette gehen. Heute gibt es aber immer noch komische Blicke beim Betreten von öffentlichen Toiletten, egal, ob man auf die Frauen- oder Männertoilette gehen will. Da kommt immer irgendein Blick.

Das Vorzeigen des Ausweises ist auch nicht einfach. Darauf steht immer noch „Frau“. Dafür gibt es die Deutsche Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität (DGTI). Die kann einen Ergänzungsausweis ausstellen, der mit dem normalen Personalausweis vorgezeigt wird.

Körperlich ist das Bindertragen ein großes Problem. Ein Binder ist so ähnlich wie ein Korsett und dient zum Abbinden der Brüste. Das ist auch sehr ungesund. Eigentlich sollte man es täglich nicht länger als acht Stunden tragen, was im Alltag allerdings schwierig ist.

Die monatliche Menstruation ist ein weiteres Problem. Aussagen wie beispielsweise „Also willst Du ein Junge sein?“ oder „Sie möchte Alex genannt werden.“ sind auch nervig. Die Angst, als Frau erkannt zu werden und nicht als Mann, der man ist, ist ein großes Problem.

 

Bist Du in einer Beziehung? Welches Geschlecht präferierst du?

Ich bin in einer Beziehung und ich bin pansexuell, also ich achte nicht auf das Geschlecht meines Partners.

 

Hast Du Kontakt zu Menschen, die ähnlich fühlen wie Du?

Ja. Ich habe Kontakt zu der Person, deren Kontakt mir das BBW zu Beginn gegeben hat. Mein Freund ist auch trans. Außerdem bin ich in verschiedenen Facebook-Gruppen, in denen ein Austausch stattfindet.

 

Siehst Du dich mit Deinem Lebensweg auch als ein Vorbild für andere?

Noch nicht. Dafür stehe ich noch zu sehr am Anfang. Neben den gesamten körperlichen Aspekten würde ich mich auch erst als Vorbild sehen, wenn ich beruflich dastehe, wo ich hinmöchte.

 

Was rätst Du Menschen, die sich in einer ähnlichen Lage befinden und sich nicht trauen zu ihrer Identität zu stehen und sich zu öffnen?

Definitiv Hilfe suchen. Wenn es nicht die Eltern sind, können es Freunde, Bekannte, Lehrer oder andere Vertrauenspersonen sein. Das Internet bietet auch viele Möglichkeiten. Es gibt einige Beratungsstellen und Seiten, die Hilfe anbieten.

 

Was rätst Du Menschen im Umgang mit Transpersonen?

Also zuerst einmal nicht nach dem alten Namen fragen, denn viele möchten daran nicht mehr denken. Schön ist auch, wenn man nach dem bevorzugten Pronomen gefragt wird. Das zeugt von Respekt und Interesse. Wenn dann mal das falsche Pronomen oder auch der falsche Name benutzt wird, sollte sich die Person kurz entschuldigen, sich korrigieren und dann einfach weitersprechen. Fragen wie „Wurdest Du schon operiert, also da unten?“ oder „Also bist du eine Transe?“ sind auch nicht schön. Eigentlich geht es darum, als ganz normaler Mensch wahrgenommen zu werden.

 

Wie siehst Du deine Zukunft? Wo siehst du dich in drei Jahren?

Beruflich werde ich im Sommer meine Ausbildung zum Tierpfleger beenden. Danach möchte ich Berufserfahrung sammeln, z.B. im Tierheim, und Tierschutz betreiben. Mein Traum ist, einen Gnadenhof aufzubauen.

Körperlich möchte ich in drei Jahren auf jeden Fall weiter sein und einige Operationen hinter mir haben. Privat möchte ich mit meinem Freund zusammenziehen.

 

Alex, vielen Dank für das Gespräch und für deine Zukunft alles erdenklich Gute!